Future Energy Lab
Nike Wessel: Hallo liebe Hörerinnen und Hörern und herzlich willkommen zu "Volle Energie voraus", dem Podcast über die Trendthemen der digitalen Energiewende. Ich spreche mit spannenden Gästen aus Politik, Wirtschaft und Forschung über die Transformation der Energiewirtschaft. Ich inspiziere Potenziale aktueller Megatrends, tausche mich mit den wichtigen Akteuren der Branche aus und beleuchte interessante Perspektiven aus unserem Podcaststudio und Future Energy Lab der dena in Berlin. Dieser Podcast ist gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und ist Teil des Projekts des Future Energy Labs der Deutschen Energieagentur, kurz dena. Volle Energie voraus, los geht's! Herzlich willkommen zu dieser Episode unserer vierten Staffel. Heute reden wir über ein Thema, das im wahrsten Sinne das Rückgrat unserer Energiewende betrifft, die Stromnetze. Wir schauen, wie wir sie mit Hilfe von Daten und künstlicher Intelligenz fit für die Zukunft machen. Denn die Herausforderung ist real. Millionen dezentrale Anlagen kommen ans Netz: Wärmepumpen, Elektroautos, Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher. Das Netz der Zukunft muss das alles managen, in Echtzeit, effizient und sicher. Deshalb habe ich heute zwei ausgewiesene Expert*innen dabei. Sarra Bouchkati, Vorstab Institut für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der RWTH Aachen an genau diesen Fragen. Wie können datenbasierte Methoden und KI den Netzbetrieb verbessern? Herzlich willkommen, Sarra.
Sarra Bouchkati: Vielen Dank für die Einladung!
Nike Wessel: Und Dr. Holger Ruf bringt uns den Blick aus der Praxis als Fachgebietsleiter Projektmanagement-Infrastruktur bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm Netze weiß er, was diese Transformation im Alltag eines Netzbetreibers bedeutet. Hallo Holger!
Dr. Holger Ruf: Hallo Nike!
Nike Wessel: Wir reden heute darüber, dass wir ein smarteres Netz brauchen, waren die Netze denn bisher dumm, liebe Sarra?
Sarra Bouchkati: Also unsere Netze würde ich sagen, waren jetzt nicht dumm. Sie wurden bisher sehr gut geplant und betrieben. Sie wurden aber lange gebaut für eine andere Energiewelt. Das heißt, wir hatten wenige große Kraftwerke und gute, planbare und prognostizierbare Lasten. Allerdings sieht die Situation heute anders aus. Das heißt, wir haben mehr PV-Anlagen, mehr Wärmepumpen, E-Autos, die massenhaft in das Verteilnetz kommen. Das heißt, unser Netz wird dadurch flexibler, dezentraler. Was aber auch bedeutet, dass es unsicherer wird. Das heißt, wir können nicht mehr alles langfristig und statisch planen, sondern wir müssen mehr in Echtzeit oder nahezu Echtzeit handeln. Smart heißt das halt nicht, es war alles bisher dumm, sondern es bedeutet, dass wir mehr Sichtbarkeit und mehr Echtzeithandel in unserem Netz brauchen. Und genau da können uns die Daten helfen.
Nike Wessel: Holger, wie ist es denn, du arbeitest täglich mit Netzen, was hat sich aus deiner Sicht eines Netzbetreibers konkret geändert?
Dr. Holger Ruf: Sarra hat das schon gut gesagt: Früher hatten wir die Großkraftwerke, sprich, der Strom kam von oben nach unten. Wir hatten die fossilen Kraftwerke, Kernkraftwerke. Der Strom wurde da produziert, über die Übertragungsnetze transportiert, ging in die Verteilnetze zu den Industriegebieten, zu den Endkunden. Das war die Welt früher. Großkraftwerk war es auch unwichtig, ob die Sonne schien, ob es bewölkt war oder ob Nacht war. Heute, mit der Energiewende: Wir haben viele dezentrale Anlagen, wir haben viele erneuerbare Energien, wir haben viele Anlagen, die in der Zwischenzeit vom Wetter abhängig sind, die ganzen Solaranlagen, die Windanlagen. Da wird es komplizierter, vor allem auch in der Niederspannung. Wir haben in der Zwischenzeit Millionen kleinere Photovoltaikanlagen, genau da wo die Kunden auch sind, die Endkunden, auf ihren Hausdächern. Die produzieren ihren eigenen Strom, schieben den Überschuss in die Stromnetze und da wird es dann spannender, da müssen wir flexibler werden und genau dafür brauchen wir Daten und Informationen aus dieser untersten Ebene, aus der Niederspannungsebene.
Nike Wessel: Also jetzt wahrscheinlich Digitalisierung und KI?
Dr. Holger Ruf: Digitalisierung auf jeden Fall, genau.
Nike Wessel: Sarra, du hast KI auch erwähnt. Sollen wir da vielleicht nochmal tiefer einsteigen? Warum ist KI jetzt wichtig?
Sarra Bouchkati: KI ist mittlerweile wichtig erstmal, weil wir ja auch eine große Entwicklung da in die Richtung jetzt gesehen haben. Das heißt, wir sehen mittlerweile, wie viel KI auch in unserem Alltag bedeutet, wieviel Effizienz das mit sich bringt. Und es kann nur hilfreich sein, einfach da in die Richtung auch so zu schauen, dass wir mitentwickeln und auch vorne dastehen, wie können wir diesen Mehrwert von künstlicher Intelligenz nutzen? Wie können wir unsere Effizienz dadurch steigern? Und deswegen, genau da ist es hilfreich, KI zu nutzen, auf der einen Seite, auf der anderen Seite, das haben wir gerade so mal ein bisschen angesprochen, dass die Komplexität ja auch steigt. Und wenn die Komplexität steigt, müssen wir gucken, wie wir das genau erreichen, dass wir dann mit dieser Komplexität umgehen können. Und dafür kann künstliche Intelligenz auch sehr hilfreich sein. Ich kenne ChatGPT und Claude, wie genau kann ich mir das bei Netzbetreibern denn vorstellen?
Sarra Bouchkati: Genau, also künstliche Intelligenz ist ja im Endeffekt so der Oberbegriff und ChatGPT oder Claude sind Chatbots, die quasi ein Teilgebiet davon sind. Bei Netzbetreibern geht es wahrscheinlich weniger um einen Chatbot, der Texte schreibt, sondern vor allem um Modelle, die Daten, zum Beispiel Messwerte, Wetterdaten, Störungsmeldungen dann verarbeiten und auswerten können. Chatbots können natürlich nützlich sein, etwa bei Kundensupport oder bei Dokumentation, Wissensmanagement, aber wir reden meistens auch von spezialisierten KI bei Netzbetreibern. Das sind im Endeffekt Modelle, die auf bestimmte Daten trainiert und bestimmte Eingangsdaten brauchen. Beispielhaft ein spezialisiertes KI-Modell könnte Smart Meter-Daten nehmen, um für morgen zum Beispiel den Stromverbrauch vorherzusagen. Das heißt solche KI-Modelle sind im Endeffekt trainiert in einer kontrollierten Umgebung, erwarten eine bestimmte Art an Eingangsdaten und liefern auch bestimmte Ergebnisse. Das heißt, sie sind einfacher zu implementieren, einfacher auch zu erklären und auch so zu überwachen im Vergleich zur allgemeinen, generativen KI, wie zum Beispiel Chatbots.
Nike Wessel: Die Möglichkeiten sind also vielfältig höre ich da raus. Dr. Holger Ruf, wo bringt denn KI für Netzbetreiber den allergrößten Nutzen.
Dr. Holger Ruf: Aus meiner Sicht, wie Sarra auch schon gesagt hat, die Datenauswertung. Wir werden zukünftig unglaublich viele Daten, Datenmengen sammeln. Ich denke da nur mal an die für die Stunden aufgelösten Stromverbräuche von den ganzen Haushalten mit den intelligenten Messsystemen. Diese Daten zu analysieren, auszuwerten, zu aggregieren und in einer Art und Weise darzustellen, dass ein Nutzer, sei es jemand in der Leitstelle oder jemand im Assetmanagement oder auch jemand im Kundensupport leichter interpretieren kann und dann den Kunden auch zielgerichteter helfen kann, da sehe ich im Moment wirklich den größten Mehrwert.
Nike Wessel: Zielgerichteter helfen klingt ja schon mal sehr gut. Aber so ein bisschen höre ich auch raus, dass diese smarte Zukunft noch nicht ganz da ist. Woran fehlt es denn noch? Und wo können denn oder wo liegen die Schwierigkeiten gerade?
Sarra Bouchkati: Wir sind auf jeden Fall auf dem Weg dahin, aber noch nicht am Ziel. Also es gibt schon einige Pilotprojekte und produktive Anwendungen und auch Proof of Concept, so wie wir das nennen, die genau zeigen, dass das alles technisch möglich und umsetzbar ist. Was uns allerdings oft fehlt, ist eine gute Datenbasis. Das heißt, uns fehlen manchmal Sensorik in manchen Netzbereichen. Wir reden jetzt sehr oft über den Smart Meter Roll-Out, aber manchen Netzgebieten fehlen da auf jeden Fall die Sensorik.
Nike Wessel: Kannst du das Wort nochmal kurz erklären?
Sarra Bouchkati: Smart Meter Roll-Out. Das ist genau das Ausrollen von intelligenter Messtechnik in unseren Stromnetzen. Das sind die Messtechniken quasi, die den Stromverbrauch erfassen bei den Kunden und für die Netzbetreiber oder Messstellenbetreiber dann übertragen. Genau da fehlt uns zum Teil diese Datenbasis, weil eben entweder Sensorik fehlt oder auch Messdaten lückenhaft sind. Zum Beispiel wegen einer Störung in der Kommunikationsübertragung. Da werden die Daten nicht übertragen und fehlen uns dann. Eine andere Sache oder eine andere Herausforderung ist, wenn Systeme nicht unbedingt, wenn wir sagen, dieselbe Sprache sprechen. Das heißt, Daten liegen in verschiedenen Formaten und wir müssen die erstmal vereinheitlichen. Das heißt wir wollen, dass alle Systeme dieselbe Sprache sprechen und deswegen, zusammengefasst, ist die Technik vielleicht nicht unbedingt das Problem, sondern eher die Datenverfügbarkeit, die Datenqualität und alles, was Schnittstellen dann angeht.
Nike Wessel: Also alles steht und fällt mit einer guten Datenbasis. Holger, wie sieht es denn in der Praxis aus? Was braucht ihr da noch?
Dr. Holger Ruf: Ich kann natürlich jetzt nicht für die gesamte Branche sprechen. Ich kann nur für unser Unternehmen sprechen. Jedes andere Unternehmen hat seine eigene Historie. Manche sind da weiter, manche sind eher etwas hinten dran. Datenbasis, das ist in meinen Augen das absolute A und O in der ganzen Thematik.
Nike Wessel: Wie macht ihr das in Neu-Ulm?
Dr. Holger Ruf: Wir haben zum Beispiel jetzt vor zwei Jahren angefangen, auch unsere ganzen historischen Papierakten nachzudigitalisieren. Also wirklich, es wurde eine Stelle geschaffen, deren Aufgabe das jetzt ist, zunächst die Erzeugungsanlagen alle in die Systeme zu bekommen. Als nächstes sind dann die ganzen steuerbaren Verbrauchseinrichtungen, Wärmepumpe, Wallboxen aber auch, ich nenne es jetzt mal, die ganzen Altlasten, Nachtspeicher, Heizungen, Aufzugsanlagen, alles mit hohen Stromverbräuchen, dass wir diese Daten dann in den Systemen haben, um sie dann in weiteren Systemen nutzen zu können. Da kommen wir dann zum zweiten Punkt, nächster Schritt sind dann die Kommunikation zwischen den Systemen, die Standards, die gemeinsame Sprache, die die Systeme sprechen müssen. Da haben wir leider auch schon gelernt, selbst wenn sie eine gemeinsame Sprache haben, manchmal haben sie auch einen eigenen Dialekt. Da wird es dann manchmal unterhaltsam und schwieriger, bis man da die Systeme dann so weit bekommen hat, dass die Daten reibungslos und fließen können und man sich auch wirklich darauf verlassen kann, dass das, was von einem System rausgeht, im anderen ankommt, und auch weiterhin stimmt und korrekt ist. Vertrauen ist da wirklich ein großer Punkt. Vertrauen in die Daten, dass da dann auch alles passt.
Nike Wessel: Was können Netzbetreiber tun, um eine solide Grundlage für den Einsatz von datenbasierten Anwendungen und KI zu legen?
Dr. Holger Ruf: Viel auch kommunizieren. Wir bekommen, viele Daten erheben wir selber aus den Smart Metern, aber viele Daten bekommen wir auch von den Kunden, die ihre Anlagen im Marktstammdatenregister melden oder die Handwerker bei uns eintragen. Ein Beispiel ist auch, wenn ältere Anlagen aus dem Betrieb genommen werden, Beispiel eine Nachtspeicherheizung wird ausgebaut, der Kunde bekommt zum Beispiel eine Gasheizung. Oft passiert es leider auch, dass uns das gar nicht mitgeteilt wird. Und dann haben wir, ich nenne es mal, eine Dateileiche. Wir vermuten immer noch, da ist eine Nachtspeicherheizung. Und das ist dann ein bisschen Detektivarbeit, herauszubekommen, dass das wahrscheinlich nicht mehr der Fall ist und, dass da einfach eine Meldung vergessen wurde. Also ich unterstelle da jetzt niemanden, dass er das vorsätzlich macht. Meistens denkt man da einfach nicht dran. Aber das sind dann diese letzten 20 Prozent, die solche Projekte dann doch immer schwieriger machen und etwas herausfordernd.
Nike Wessel: Was muss zum Beispiel beachtet werden, regulatorisch, also in welchem Rahmen so was passiert?
Sarra Bouchkati: Also vielleicht einmal kurz als Ergänzung dazu. Also ich finde den Punkt auf jeden Fall, genau diese Lücken, diese Probleme in den Daten erkennen. Aber vielleicht einen Schritt zurück, sollten auch meiner Meinung nach die Netzbetreiber so eine Dateninventur machen. Was haben wir überhaupt als Daten vorliegen und wo liegen sie, in welchem System, in welchem Format? Erst mal so zu schauen, dass wir eine gewisse Dateninventur machen und dann einen Schritt in diese Lücken Datenüberprüfung und Probleme erkennen. Da würde ich dann halt so ein bisschen in zwei Schritte auf jeden Fall so sehen und da hast du ja gerade auch den regulatorischen Rahmen. Das ist ja sehr wichtig, auch vor allem am Anfang mitzudenken, weil erstmal kommen Fragen wie Governance-Fragen. Wer ist verantwortlich, wenn wir eine Anwendung KI- oder datenbasiert dann implementieren? Wie können wir das Modell überprüfen? Welche Rolle hat der Mensch dann genau bei dieser Anwendung? Und solche Fragen sollten wir direkt am Anfang klären und auch mitdenken, genau bei der Implementation von den Anwendungen. Und das andere ist auch zum Beispiel im regulatorischen Rahmen. Wir reden jetzt sehr oft von der Initiative EU AI Act. Das ist eine Initiative, um den regulatorischen Rahmen für die Umsetzung von künstlicher Intelligenz in Europa dann quasi umzusetzen. Und da sollte man auf jeden Fall auch noch mal genauer, welche Anforderungen gelten für welche Anwendung. Ist das eine Hochrisikoanwendung? Was muss man beachten? Genau solche Fragen sollen wir auf jeden Fall am Anfang dann genau klären.
Nike Wessel: Das klingt ja erst mal sehr gut, aber eben auch nach grundlegenden Veränderungen und eben auch nach einem hohen Aufwand. Warum brauchen wir denn das Ganze überhaupt? Können wir nicht einfach so ein bisschen wie früher dickere Kabel verlegen, größere Trafos irgendwo hinstellen und dann nochmal gucken? In der Vergangenheit hat es ja auch ganz gut geklappt. Holger, was sagst du dazu?
Dr. Holger Ruf: Klar, können wir machen.
Nike Wessel: Perfekt.
Dr. Holger Ruf: Das Problem ist, das können wir uns nicht mehr leisten. Also der klassische Netzausbau, da gibt es auch schon seit mindestens 10, 15 Jahren Studien, funktioniert immer, ist aber definitiv immer die teuerste Lösung. Und ich sage mal, auf dem Weg hierher, ich bin ja auch an ein paar Baustellen vorbeigekommen. Ein anderer Punkt sind natürlich auch die Ressourcen, klassisch das Geld, die Mitarbeiter, die das verbauen, aber auch insbesondere in Großstädten, ich sag mal, der Raum unter der Straße ist unglaublich voll, da noch mehr Kabel hineinzubekommen, da streite ich mich ja dann mit anderen Versorgungsträgern Fernwärme, Trinkwasser, Gas, Telekommunikation. Das wird verdammt eng. Und wenn ich mir dann vielleicht sage, mit Intelligenz kann ich günstiger und schneller Lösungen erarbeiten, dann muss ich auf Intelligenzen gehen.
Nike Wessel: Können wir Kosten und Nutzen denn ganz gut einschätzen? Also gibt es da gute Zahlen? Wo genau liegen denn die Vorteile datenbasierter Anwendungen insbesondere von KI?
Sarra Bouchkati: Das kann man tatsächlich bei, egal ob das jetzt eine KI- oder datenbasierte Anwendung oder auch eine andere Anwendung genau machen, so eine Kosten-Nutzen-Analyse im Endeffekt. Was wir auf jeden Fall da sehen, dass man am Anfang wahrscheinlich mehr Kosten hat als Nutzen. Das heißt, wir müssen in den Daten investieren, dass sie einheitlich sind, wir müssen in die Datenplattform, in den Schnittstellen, alles ist quasi mit Kosten am Anfang verbunden, der Nutzen kommt dann zeitversetzt, sagen wir mal so. Der kann aber erheblich sein. Wir haben gerade so das Thema angerissen, dass wir effizienter planen, effizienter betreiben und effizienter auch Wartungen planen wollen. Und datenbasierte Anwendungen können uns dabei helfen, genau das zu erreichen und eben Netzausbau gezielt dann zu planen und auch da die Kosten zu reduzieren, wie gerade auch Holger nun erklärt hat. Das heißt, der Nutzen wird jetzt nicht sofort als eingesparter Euro direkt entstehen, sondern viel Nutzen entsteht dadurch, dass wir effizienter sind, sei es in der Netzplanung oder Netzbetrieb und, dass die Netzbetreiber auch diese steigende Komplexität dann bewältigen können.
Nike Wessel: Wir haben ja jetzt schon viel über die Zukunft gesprochen. Sie scheint sehr smart zu sein. Wo ist es denn schon Realität? Also wo ist diese Zukunft ein Stück weit schon sichtbar? Jetzt zum Beispiel, wenn wir konkret sagen, hier bei uns in Berlin oder auch bei euch in Ulm oder in Aachen. Also wo sehe ich denn diese digitale Smart Grid Zukunft schon? Und was können wir da heute schon draus lernen, Holger?
Dr. Holger Ruf: Zum Beispiel bei uns in Ulm. Wir haben seit vielen Jahren ein Testgebiet. Das haben wir damals mit den Forschungspartnern in Ulm für verschiedene Forschungsprojekte definiert: ein ganzes Dorf, die in der Zwischenzeit doppelt so viel Strom auf ihren Dächern erzeugen, wie das gesamte Dorf im Jahr verbraucht. Das ist unser Testgebiet seit vielen Jahren und seit zwei, drei Jahren nutzen wir auch von den Stadtwerken dieses Testgebiet verstärkt für unsere Tests von Produktivsystemen. Früher waren es die Forschungsprojekte, mit unglaublich viel Aufwand wurden da Sachen entwickelt, ausprobiert. Da haben wir gelernt, was der Mehrwert an Daten sein kann, wenn ich an Trafostationen messe oder in den Häusern, was ich daraus ableiten kann, wie ich da schnell reagieren kann. Und jetzt rollen wir da Worksysteme aus, also Systeme, die ich kommerziell kaufen kann von verschiedenen Anbietern, kann die auch ausprobieren. Und was wir da vor allem auch gelernt haben: Kommunikation. Kommunikation mit den Bürgern, die da betroffen sind. Welche Fragen da bei den Bürgern kommen. Früher war es mehr technisch, in der Zwischenzeit sind es auch mehr Datenschutzfragen, um da auch unsere Kommunikation einfach zu verbessern, die Bürger zu informieren, mitzunehmen, abzuholen und auch die Mehrwerte einfach klarer zu kommunizieren und klarer darzustellen.
Nike Wessel: In Aachen wird ja wahrscheinlich auch geforscht, so klingt es auf jeden Fall. Viele Akteur*innen arbeiten ja daran, die Potenziale von KI in konkrete Projekte umzusetzen aus Perspektive der Forschung. Wie weit ist denn die Technologie, in welchen Anwendungen?
Sarra Bouchkati: Also aus Sicht der Forschung ist das Feld schon sehr weit entwickelt. Wir haben gerade gesagt, es gibt schon einige Pilotprojekte, einige produktive Anwendungen und vor allem auch, wenn man die Arbeiten auf Konferenzen oder Fachgremien anschaut, das zeigt genau deutlich, dass diese Entwicklung schon sehr weit ist. In der Breite allerdings oder in der Realität, sagen wir mal so, wird es wahrscheinlich erst mal zu einer bestimmten Kategorie von Anwendungen in Umsetzung kommen.
Nike Wessel: Welche sind es?
Sarra Bouchkati: Zum Beispiel, wir nennen das low-hanging fruits. Das sind so einfache Anwendungen, die einen hohen Nutzen haben und eine geringere Umsetzbarkeit bzw. eine einfachere Umsetzbarkeit haben. Beispielhaft Prognosemodelle sind schon sehr weit entwickelt worden und können da sehr gut eingesetzt werden, oder zum Beispiel auch Datenqualitätsprüfungen oder zum Beispiel Anwendungen wie Netzzustandsermittlung. Das ist eine Anwendung, die eben Smart Meter-Daten nimmt und versucht, den Gesamtnetzzustand zu bestimmen, auf Basis von diesen Daten und dann, um eben darauffolgend Engpässe frühzeitig zu erkennen. Das sind alle Anwendungen, die erstmal nicht so kritisch sind, die in hohen Nutzen dann halt auch anbieten und schnell umsetzbar sind. Andere Anwendungen sind deutlich da sensibler, weil sie zum Beispiel eher automatisierte Prozesse dann verändern oder genau Entscheidungen automatisch dann treffen. Das sind eher für kritische Infrastrukturanwendungen, die wahrscheinlich schrittweise kommen werden und nicht direkt umgesetzt werden.
Nike Wessel: Viel funktioniert also schon. Theorie- und Pilotprojekte scheinen ja Hand in Hand zu gehen. Da bin ich jetzt mal gespannt mit dem Blick auf eine rasante Transformation des Energiesystems. Welche Anwendungen sollen über Pilotprojekt hinaus und vor allen Dingen wann umgesetzt werden, damit das System auch effizient funktioniert? Holger, gibt es da schon konkrete Pläne?
Dr. Holger Ruf: Also eine Anwendung ist sicherlich das Steuern von Anlagen, einfach mit dem Hintergrund, weil wir mit dem Stromnetzausbau nicht so schnell hinterherkommen, wie es notwendig wäre, aus verschiedenen Gründen.
Nike Wessel: Wie ist das zeitlich so geplant?
Dr. Holger Ruf: So schnell wie möglich.
Nike Wessel: Ok.
Dr. Holger Ruf: Das wäre eine wichtige Anwendung, eine weitere Anwendung, die ich sehe, die vielleicht noch nicht dieses Jahr laufen muss, aber hoffentlich bald nächstes Jahr, anreizend vernetzt in dem Verhalten, dass der Kunde sich vielleicht freiwillig ein bisschen netzdienlicher verhält. Da können wir als Netzbetreiber eben auch gerade noch einen Bonus auszahlen, wäre ich auch offen dafür.
Nike Wessel: Wie verhalte ich mich netzdienstlich?
Dr. Holger Ruf: Es gab in den letzten Monaten immer wieder in den sozialen Medien den Aufruf, vielleicht sogar die Solaranlage abzuschalten oder so viel Strom wie möglich hausintern zu verbrauchen, um einfach die Einspeisung, die Rückspeisungen zu reduzieren. Man hat es auch an den Börsenpreisen gesehen. Wir hatten extrem negative Börsenpreise. Die Übertragungsnetzbetreiber mussten sogar auch eingreifen, Anlagen dann abregeln. Da ...
Nike Wessel: Also es wurde zu viel produziert?
Dr. Holger Ruf: Es wurde zu diesen Zeiten wirklich viel zu viel produziert und das hat die Netze an der Stelle an die Grenzen gebracht. Wenn ich da dann vielleicht sage, ich kann die Waschmaschine als blödes Beispiel tagsüber auch nutzen, dann warum nicht?
Nike Wessel: Das heißt eigentlich sollten wir tagsüber oder im Sommer am meisten waschen, wäre euer Tipp? Also quasi ...
Dr. Holger Ruf: Wenn ich Überschuss habe.
Nike Wessel: Mhm.
Dr. Holger Ruf: Es gibt auch Regionen, die viel Windstrom haben, da sollte man das dann vielleicht möglich machen oder auch Industrieprozesse, wenn ich viel Überschuss habe, um da möglichst viel lokal schon zu verbrauchen und nicht irgendwo quer durch Deutschland oder quer durch Europa transportieren zu müssen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Das ist natürlich nicht leicht, das ist schwierig, ein E-Auto laden, immer wenn ich es einstecke, vielleicht gibt es auch eine Intelligenz im Auto oder ich habe ein Energiemanagementsystem, was mir das ein bisschen abnehmen kann, um diese Spitzenzeiten wirklich ein bisschen zu entlasten und mit dynamischen Stromtarifen kann ich da vielleicht sogar auch ein bisschen Geld damit verdienen.
Nike Wessel: Wie ist es denn mit Menschen, die sich besonders innovativ schon verhalten haben und eben schon ganz toll aufgerüstet haben? Wie ist das mit diesen innovationsfreudigen Personen?
Dr. Holger Ruf: Solche Personen und auch solche Unternehmen, die freiwillig schon mehr investiert haben, die sollten auf jeden Fall nicht bestraft werden. Also die sollten meiner Meinung nach sogar einen Benefit bekommen, aber definitiv nicht im Nachgang noch eine Strafe oder, dass man dann das System wieder lockert, weil eben viele sich noch gar nicht angepasst haben.
Nike Wessel: Und was braucht es jetzt, damit die Umsetzung auch vorankommt? Was kann das Wissen und die Erfahrungen, die es jetzt schon gibt, auch in der Breite, also den Weg in die Praxis richtig finden? Also wie genau kann es jetzt gehen?
Sarra Bouchkati: Ich glaube, das ist schon ein Punkt, was Holger auch kurz angesprochen hat. Genau, diese Kommunikation brauchen wir. Wir brauchen weniger isolierte Projekte und mehr Erfahrungsaustausch. Es muss nicht sein, dass jeder Netzbetreiber jeden Newscase von neu auf dann umsetzen muss, sondern genau dieser Erfahrungsaustausch kann dabei helfen, Challenges früh zu erkennen, Herausforderungen dann auch zu erkennen und besser darauf vorbereitet zu sein, das auf der einen Seite. Aber auch meiner Meinung nach und aus Sicht der Forschung eine interdisziplinäre Arbeit oder Zusammenarbeit: zum Beispiel KI-Entwicklung ist in der Informatik sehr weit, während diese Übertragung in die Energiewirtschaft dann eben Domainwissen oder Fachwissen dann erfordert. Das fehlt zum Beispiel den Informatikern und dieses Fachwissens liegt meistens bei Energietechnikerinnen und Energietechnikern, die wiederum wahrscheinlich das Wissen für die KI-Entwicklung dann nicht haben. Das heißt, das können wir nur lösen, indem wir interdisziplinär zusammenarbeiten. Das heißt an sich brauchen wir mehr Austausch zwischen den Netzbetreibern, mit der Forschung, mit den Lösungsanbietern und mit der Regulatorik.
Nike Wessel: Schön, dass ihr beide dann an einem Tisch seid heute. Das ist doch schon mal ein guter Start. Zum Abschluss machen wir immer eine kleine "Entweder-oder"-Runde. Jeder entscheidet sich spontan für eine Option. Also keine langen Erklärungen, einfach instinktiv antworten. Und ich rufe es jetzt mal rein. Wind oder Sonne?
Dr. Holger Ruf: Sonne.
Sarra Bouchkati: Sonne.
Nike Wessel: AC oder DC?
Dr. Holger Ruf: AC.
Sarra Bouchkati: AC.
Nike Wessel: ChatGPT oder Claude?
Dr. Holger Ruf: ChatGPT.
Sarra Bouchkati: Mal so, mal so.
Nike Wessel: KI oder Algorithmus?
Dr. Holger Ruf: Algorithmus.
Sarra Bouchkati: Algorithmus.
Nike Wessel: Cloud oder On-Premises?
Dr. Holger Ruf: Schwierige Frage, persönlich On-Premise.
Sarra Bouchkati: Cloud.
Nike Wessel: Mensch oder Maschine? Die große Frage für heute.
Dr. Holger Ruf: Mensch.
Sarra Bouchkati: Mensch.
Nike Wessel: Ah, schön. Köpfchen oder Kupfer?
Sarra Bouchkati und Dr. Holger Ruf: Köpfchen.
Nike Wessel: Ihr seid euch ja richtig schön einig. Das freut mich sehr. Da bleibt mir nur zu sagen, ich hoffe, wir verhalten uns alle netzdienlich, die Sonne scheint viel auf unsere PV-Anlagen und ich danke euch beiden sehr fürs Gespräch. Sarra und Holger, das war wirklich inspirierend und ich finde, es zeigt sehr schön, die smarte Zukunft der Stromnetze ist keine Frage des Ob's, sondern vor allem des Wie und Wann. Und schön, dass daran geforscht wird und auch konkret umgesetzt wird. Ob Algorithmus oder KI, am Ende braucht es all die Menschen, vor allem eins, gute Daten. Und die müssen wir jetzt schaffen. Wenn ihr mehr über das Thema Smart Grids, Daten und KI im Netzbetrieb erfahren möchtet, schaut gerne einmal auf future-energy-lab.de vorbei. Alle Links gibt es wie immer in den Show Notes. Ich freue mich sehr, wenn ihr den Podcast abonniert, bewertet und weiterempfehlt. Bis zur nächsten Folge "Volle Energie voraus". Herzlichen Dank!
Sarra Bouchkati: Vielen Dank!
Dr. Holger Ruf: Danke!